Im Munjantal heute

10.09.2021 | LAB 4

Berichte aus dem Munjantal – ein Gastbeitrag (DE)

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Sayed-Jalal Shajjan ist freier Journalist für persische und englische Nachrichtenmedien zu Afghanistan. Als Berater in der Entwicklungszusammenarbeit war er mit Schwerpunkt Nord-Afghanistan für nationale und internationale Institutionen tätig. Im Herbst 2020 nahm er für die Präsentation von „Entangled: Stuttgart – Afghanistan“ Kontakt zu Menschen aus dem Munjantal auf, in das die Stuttgarter Badakhshan Expedition vor fast 60 Jahren gereist war. Wie geht es den Menschen dort heute? Die gesammelten Berichte sind seit März 2021 Teil der Präsentation im LindenLAB. Eine Variante des Textes auf Dari (Persisch) ist ebenfalls hier auf dem Blog verfügbar. Wir hoffen, dass noch weitere Berichte folgen.

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Seit Oktober 2001 sind Milliardensummen nach Afghanistan geflossen, um die Entwicklung in dem Nachkriegs-Staat zu fördern. Allerdings sind viele Dörfer im Land nach wie vor ein Mikrokosmos erfolgloser Entwicklungsprozesse. Die internationale Hilfe hat Afghanistan Fortschritte im Bildungsbereich und in Bezug auf Frauenrechte oder Pressefreiheit gebracht, und die Versorgungssituation in verschiedenen Gebieten des Landes verbessert.  Doch führte sie auch zu Korruption, illegalem Bergbau und zunehmend zu Aufständen.  

Im Munjantal ist die Lage nach wie vor speziell. Der Bezirk Kiran va Munjan, mit einer Bevölkerung von fast 8000 Personen, ist eine der entlegensten Regionen in Afghanistan. Die Menschen müssen längere Reisen auf sich nehmen, um Zugang zu höherer Bildung oder medizinischer Versorgung zu erhalten. Doch obwohl Munjan nur wenig Zuwendung seitens der Zentralregierung erfährt, äußerten die Menschen, mit denen ich sprechen konnte, Zufriedenheit trotz aller Mängel.  

Diejenigen, die es sich leisten können, wandern allerdings zunehmend in Städte ab, um Anschluss an die Moderne zu finden.

Humaira (25), in Faizabad ausgebildete Lehrerin aus dem Dorf Aaveen. Dort lebt sie mit Mann, Sohn und Tochter.

“Ja, es ist sehr schwer, hier zu unterrichten […] Leute aus anderen Dörfern in der Umgebung bedrohen uns, dass wir nicht zur Schule gehen. […] Außerdem haben wir auch finanzielle Problem, mein Gehalt reicht nicht […] Aber ich habe die Unterstützung meiner Familie und werde unterrichten, und andere ermutigen, ihre Töchter zur Schule zu schicken.“

„Alle Häuser in unserem Dorf sind Lehmhütten. In meiner Familie leben wir alle in einem Haus mit einem Zimmer. Mit meinem Mann und zwei Kindern. Der Winter ist sehr rau und eiskalt hier, und den ganzen Winter und fast die ganze Zeit, kochen wir im Haus, um uns warmzuhalten.“

„Wenn die Erkrankung sehr ernst ist, dann müssen wir in die Provinzhauptstadt Faizabad reisen, und dafür braucht es fast zwei Tage Reisezeit. Nachts müssen wir in einem bewohnten Gebiet Pause machen, weil es schwierig ist, in der Nacht zu reisen, und so fahren wir dann am nächsten Morgen weiter […], um Faizabad zu erreichen.“

Ghulam Hussain (60), Paskiran, Bezirk Kiran va Munjan, Finanzbeauftragter der Abteilung für Erziehung/Bildung

„Der Bezirk Kiran va Munjan befindet sich in einer weit entlegenen Region […] das ist die am meisten vernachlässigte Gegend in Afghanistan. Die Sicherheitslage ist manchmal gut, das hängt auch von der Jahreszeit ab, weil der Winter hier sehr hart ist. Deshalb ist es im Winter relativ sicher.“

„Die Lebensbedingungen sind sehr einfach. Die Menschen leben in einer Subsistenzwirtschaft. Manche haben ein paar Kühe, für ihre Milch, aber wenn nötig verkaufen sie ein Tier […] Es gibt eine Lapislazuli-Mine, die immer ein Zankapfel zwischen den Taliban und den Regierungskräften ist. Aber jetzt im Moment haben die Regierungskräfte die volle Kontrolle.“

„Auch der Bildungsbereich ist in äußerst schlechtem Zustand, schlimmer als in anderen Gebieten. Es gibt Schulen, aber einige haben keine Unterrichtsräume. Je nach Lage findet der Unterricht dann im Freien statt. Manchmal haben wir keine Lehrer*innen, meistens nur sehr wenige. Wir haben Koedukation.“

Dost Mohammad Munjani (27), Aktivist, geboren in Shahran, Munjan, lebt heute in Faizabad

„Der einzige Grund war Bildung. Wie bei meinem Vater, der Polizeibeamter des Bezirks war. Als mein Vater getötet wurde, haben mich meine Verwandten bestärkt, zu studieren, mit ihm als Vorbild. Deshalb bin ich gegangen. In die Provinzhauptstadt Faizabad, und dann nach Kabul, aber ich bin zurückgekommen und lebe jetzt mit meiner Familie in Faizabad.“

„Weißt Du, die Lebensbedingungen sind ziemlich mittelalterlich in Munjan. Es gibt einen großen Unterschied. Die Leute sind sehr arm, es fehlt ihnen an der grundlegenden Versorgung. Die Menschen haben Behausungen, aber da gibt es kein Bad oder irgendetwas. Dafür nutzen sie oft den Raum, wo sie ihre Tiere halten.“

„Was die Sicherheitslage angeht, ist die Lage gerade gut, aber die Taliban haben zuvor versucht, einen Teil der Gebiete unter ihre Kontrolle zu bringen, was nicht erfolgreich war. Die wirtschaftliche Situation ist eine Katastrophe! […] Wir haben einige Verbesserungen, vor allem im Bildungsbereich, es gibt mehr Schulen als früher und mehr Schüler*innen.“

Autor:
Sayed-Jalal Shajjan

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