Museen und indigene Gesellschaften – Teil 2: Vor Ort in der Karenni-Region in Myanmar

20.02.2020 | LAB 3

Museen und indigene Gesellschaften: Neue Formen des Teilens und der Zusammenarbeit

Teil 2: Vor Ort in der Karenni-Region in Myanmar

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Nachdem ich bereits im August 2016 und im Januar und Februar 2018 privat kurze Forschungsaufenthalte in der Karenni-Region unternommen hatte, wusste ich um die Aktivitäten, das beeindruckende Engagement und die Ambitionen der indigenen Kulturkomitees, aber auch um den desolaten Zustand des staatlichen Provinzmuseums in Loikaw, das mit möglichst naturalistischen Puppen und zum Teil sehr fragwürdigen Texten eine Galerie indigener Trachten gemäß der staatlichen Doktrin von den 135 „National Races“ präsentiert. Ein Kooperationsangebot von meiner Seite an die Leitung des Provinzmuseums, in der Hoffnung Texte und Präsentation gemeinsam zu modernisieren, stieß auf wenig Interesse. Auch die Versuche indigener Kulturkomitees vor Ort, Einfluss auf die als inadäquat empfundene Präsentation ihrer Kultur zu nehmen waren vorher auf taube Ohren gestoßen.

Die Kayaw sind mit knapp 50.000 Mitgliedern die kleinere der beiden Gruppen und ihre traditionellen Siedlungsgebiete liegen weiter südlich im Kayah-Staat und Kayin-Staat. Über 90% der Kayaw sind Katholiken und kirchliche Netzwerke und Räume spielen eine kaum zu unterschätzender Rolle bei der Organisation kultureller Aktivitäten. Das Kayaw-Kulturkomitee ist bereits seit den 1960er Jahren aktiv und rekrutiert sich aus ehrenamtlich tätigen Freiwilligen; jeder, der möchte kann mitarbeiten. Eine kleine Minderheit der Kayaw sind Baptisten und inzwischen im Rahmen ökumenischer Kooperationen gut in diese Aktivitäten eingebunden. Sie pflegen aber auch intensive Kontakte zu baptistischen Kayin die weiter südlich leben und partizipieren zum Teil an deren Kulturprogrammen.

Als Zeitpunkt für die im Rahmen des LindenLABs geplante Forschungs- und Netzwerksreise wurde der Zeitraum März/April 2019 gewählt, da in diesen Monaten in Myanmar die großen Schulferien und zahlreiche Feiertage liegen, sodass sich auch die Aktivitäten der indigenen Kulturkomitees auf diesen Zeitraum konzentrieren: Summercamps für Jugendliche, Jugendtreffen, Lehrerfortbildungen und die Nationalfeiertage der Kayan und Kayaw am 10. und 15. April, die ebenfalls von den Kulturkomitees organisiert werden. Bei vielen dieser Veranstaltungen werden von den Komitees kuratierte Wanderausstellungen über die traditionelle materielle Kultur der jeweiligen indigenen Gruppe gezeigt und im Zusammenhang mit Fundraising-Aktivitäten Pläne für eigene Kulturzentren mit permanenten Ausstellungsräumen präsentiert. Zum einen würde sich mir folglich reichlich Gelegenheit bieten als teilnehmender Beobachter die Aktivitäten, Praktiken, Anliegen und Bedürfnisse der Kulturkomitees besser zu verstehen. Zum anderen hoffte ich auf viele Gelegenheiten, mit ihnen gemeinsam zu diskutieren, welche Wünsche sie an eine Partnerschaft mit dem Linden-Museum hätten und welche Formen der Zusammenarbeit sinnvoll sein könnten.

Seit meinem letzten Besuch 2018 war ich darüber hinaus bereits im Gespräch mit dem Kayaw-Kulturkomitee über eine mögliche gemeinsame Veranstaltung zur Förderung der Pflege und Weitergabe traditioneller Kulturtechniken. Die ursprüngliche Idee war, im Rahmen des Kayaw-Nationalfeiertages einen Wettbewerb zu organisieren und zu filmen, die besten Ergebnisse mit Preisen auszuzeichnen und in einer Wanderausstellung in Myanmar und Deutschland zu zeigen. Im Rahmen von Vorgesprächen wurde jedoch entschieden den Schwerpunkt auf die Vermittlung an Kayaw-Jugendliche zu legen, die insbesondere, wenn Sie in den Städten aufwuchsen, oft kaum mehr Berührungspunkte mit diesen Techniken hatte. Da vor dem Kayaw-Nationalfeiertag, der jedes Jahr am 15. April stattfindet, vom 12.-14. April ein dreitägiges Kayaw-Jugendtreffen mit rund 450 Jugendlichen aus der ganzen Region stattfinden sollte, wurde entschieden Expert*innen aus den z.T. sehr abgelegenen Dörfern einzuladen die während des Treffens ihr Wissen an die Jugendlichen weitergeben würden. Dieser Prozess sollte mit Foto- und Filmaufnahmen dokumentiert werden. Die Ergebnisse ihrer Demonstrationen sollten dann in einer großen Ausstellung am Nationalfeiertag präsentiert und die besten mit Preisen ausgezeichnet werden. Darüber hinaus wurde den Expert*innen das Angebot gemacht, die entstandenen Objekte für das Kulturkomitee zu erwerben, das sie zukünftig in seinen Ausstellungen verwenden könnte. Anreisekosten der Expert*innen, Ankäufe und Preisgelder würden aus den Projektmitteln des LindenLABs finanziert, um Unterkunft und Verpflegung der Expert*innen vor Ort sollten sich die Menschen des Gastgebenden Kayaw-Dorfes (in diesem Jahr 6-Mile-Village) kümmern.

Dem Kayan-Kulturkomitee wurde angeboten, ob sie an etwas Vergleichbarem Interesse hätten. Sie entschieden jedoch, dass die Organisation des Kayan National Day am 10. April und der weiteren bereits geplanten Veranstaltungen für sie bereits soviel Arbeit sei, dass man lieber im Nachgang Video-Dokumentationen zum immateriellen Kulturerbe der Kayan anfertigen und diese für zukünftige Veranstaltungen und Ausstellungen nutzen würde. Die beratende und finanzielle Unterstützung dieser Projekte durch das Linden-Museum wurde vereinbart.

Zu den wichtigsten Ereignissen der Reise gehörten

  • das Kayan Lahta Festival am 20.03.2019 im Dorf Le Htun
  • das Abschlussfest eines Kayan Sommercamps für Kinder und Jugendliche in Loilin Lay
  • der Abschluss eines Intensivkurses für muttersprachliche Kayaw-Grundschullehrer*innen
  • der Besuch eines vom Kulturkomitee angeregten Community Museums im Kayaw-Dorf Htaykho
  • das animistische Kankhwan Fest vom 7.-9. April
  • der Kayan Nationalfeiertag am 10. April
  • das Kayaw-Jugendtreffen mit Durchführung unseres gemeinsamen Workshops vom 12.-14. März
  • der Kayaw Nationalfeiertag am 15. April
  • sowie zahlreiche intensive Besprechungen mit Mitgliedern beider Komitees.

Auf dem Kayan Lahta Festival und den beiden Nationalfeiertagen gab es jeweils aus Planen konstruierte Ausstellungsräume, in denen von den Komitees kuratierte Ausstellungen zu sehen waren.

Die Gespräche mit den Komitees ergaben, dass sowohl für die Ausgestaltung der aktuellen Wanderausstellungen als auch im Hinblick auf die Planung der zukünftigen Kulturzentren mit ihren festen Ausstellungsräumen ein großes Interesse an Austausch und Fortbildung in der Museumsarbeit, insbesondere den Arbeitsfeldern Ausstellungsgestaltung, sachgerechte Aufbewahrung und Konservierung von nicht ausgestellten Objekten sowie Kulturvermittlung/ Museumspädagogik besteht. Gemeinsam beschlossen wir, dass uns eine vierköpfige Delegation mit je zwei Mitgliedern beider Komitees in Stuttgart besuchen würde um angeleitet von unseren Spezialist*innen aus den bei uns vorhandenen Objekten und im Rahmen der vor Ort umgesetzten Projekte entstandenen neuen Objekten eine Ausstellung zu kuratieren, bei der sie zum einen vollständig selber bestimmen würden, wie Kayaw- und Kayan-Kultur präsentiert werden sollte und wir zum anderen Workshops zu verschiedenen Arbeitstechniken anbieten und diese in der Ausstellung gleich gemeinsam ausprobieren würden. Dabei entschieden beide Komitees unabhängig und ohne jegliche Einflussnahme meinerseits, wer der Delegation angehören würde und welche neu gefertigten Objekte sie mitbringen wollten.

Über diesen Aufenthalt, der im November 2019 stattfand, wird ein einem weiteren Blogbeitrag berichtet werden.

Zum Autor

Georg Noack ist Süd- und Südostasienreferent im Linden-Museum Stuttgart

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