Museen und indigene Gesellschaften: Neue Formen des Teilens und der Zusammenarbeit

12.06.2020 | LAB 1

Museen und indigene Gesellschaften: Neue Formen des Teilens und der Zusammenarbeit

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Dr. Georg Noack
Referat Süd- und Südostasien
Linden-Museum Stuttgart

Das Projekt LindenLAB gibt uns die Gelegenheit neue Formen der Museumsarbeit auszuprobieren. So entstanden aus den unterschiedlichen Regionalreferaten des Linden-Museums verschiedene Fragestellungen, denen nachgegangen werden soll. Die aktuellen (öffentlichen) Diskussionen um die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit ethnologischer Museen sind stark auf die Dualität zwischen deutschem (oder europäischem) Kolonialismus und afrikanischen Opfern dieses Kolonialismus fokussiert. In vielen Fällen scheint mir das jedoch zu kurz gegriffen, da dies interkommunale Beziehungen in den ehemaligen Kolonialgebieten ganz ausblendet und auch unterschiedliche Formen des Kolonialismus, ausgeübt von verschiedenen Kolonialmächten und in verschiedenen Zeitphasen, zu stark vereinheitlicht.  So spielt z.B. die Kolonialisierung indigener Territorien innerhalb unabhängiger, z.T. postkolonialer Nationalstaaten durch die jeweiligen Regierungen (z.B. in den Amerikas, aber auch durch Staaten wie Myanmar oder Indonesien) in diesen Diskursen noch kaum eine Rolle, ebenso wenig wie von außereuropäischen Mächten wie z.B. Japan ausgeübte Kolonialherrschaft.

In Südostasien standen indigene Gesellschaften und ethnische Minderheiten oft im Zentrum ethnologischer Interessen. Sie sind in den Sammlungen des Linden-Museums auch weit stärker repräsentiert als die Mehrheitsgesellschaften der jeweiligen Region. Dafür gab es verschiedene Gründe, die sich im Laufe der Zeit änderten. Die Sammeltätigkeit dort begann zwar im ausgehenden 19. Jahrhundert, dauert aber bis in die Gegenwart fort.

Kolonialmächte instrumentalisierten z.T. die vermeintliche „Primitivität“ und „Wildheit“ der indigenen Minderheiten um durch Beschreibungen und Ausstellungen der eigenen Bevölkerung die „weiße Überlegenheit“ zu bestätigen und propagandistisch Kolonialherrschaft als „civilizing mission“ zu rechtfertigen.

Nach dem Ende des Kolonialismus seit den 1950er bis in die 1990er Jahre betrachtete die Ethnologie oft schriftlose Gesellschaften als ihr vorrangiges Forschungssubjekt, da deren Geschichte und Kultur nicht von Philologen und Historikern aus schriftlichen Quellen erschlossen werden konnte. Auch aus dieser Zeit gibt es im Linden-Museum bedeutende Sammlungen indigener Alltagskultur, die von feldforschenden Ethnologen aus Baden-Württemberg angelegt wurden.

Darüber hinaus gibt es viele auf Touristen, Diplomaten und Entwicklungshelfer zurückgehende Sammlungen aus den letzten fünfzig Jahren. Auf sie übten oft die als „Naturvölker“ bezeichneten Indigenen, ihre angenommene „Ursprünglichkeit“ und „Naturverbundenheit“ eine besondere Faszination aus, die nicht selten eine umfangreiche Sammeltätigkeit auslöste.

In vielen Ursprungsgesellschaften dieser Sammlungen in Südostasien wurde jedoch der europäische Kolonialismus durch mehr oder weniger stark ausgeprägte Formen der Unterdrückung in den postkolonialen Nationalstaaten abgelöst. Nach dem Erlangen ihrer Unabhängigkeit propagierten stark zentralistische politische Systeme vielerorts eine homogene nationale Identität, die allein aus den Traditionen der Mehrheitsgesellschaften konstruiert wurde. Sie übten einen erheblichen Assimilationsdruck auf Minderheiten aus. Dies löste wiederum oft Widerstand gegen die Staatsgewalt und bewaffnete Konflikte aus und führte dazu, dass die Situation vieler indigener Gesellschaften in Südostasien bis heute extrem prekär ist. Fragen und Wünsche nach der Rückgabe indigener Objekte aus europäischen Sammlungen in die Region sind mir bislang nicht bekannt – erst recht nicht in die Institutionen der jeweiligen Staaten.

Auf die Beziehung zwischen unserem Museum und solchen Gesellschaften lässt sich vieles, das auf der Agenda der Gespräche mit der Regierung von Namibia oder dem Königshaus von Benin stehen mag, nur begrenzt übertragen. Die Frage, die ich mir als Kurator stattdessen stellte, lautete anders: Was können wir als Museum für solche Gesellschaften tun, um ihre Situation zu verbessern, sie zu stärken und ihre eigenen Bemühungen um die Bewahrung und Revitalisierung von Traditionen und kulturellen Identitäten zu unterstützen? Aus den USA, Kanada, Australien und Neuseeland gibt es interessante Modelle neuer Formen der partnerschaftlichen Zusammenarbeit mit indigenen Communities. Da dort allerdings in der Regel mit vor Ort ansässigen Communities zusammengearbeitet wird und so mit wenig logistischem und finanziellem Aufwand auch langfristige Projekte gemeinsam umgesetzt werden können, lassen sich die dort gesammelten Erfahrungen ebenfalls nur bedingt auf unseren Kontext übertragen. Dennoch diente insbesondere ein Vortrag von Joe Horse Capture, damals Kurator am National Museum of the American Indian-Smithsonian Institution und Mitglied der A’aniiih Nation als Ausgangspunkt, für den Entwurf unseres Labs.

Der Vortrag macht die folgenden zentralen Aussagen:

  • „Wenn eine Ausstellung über eine indigene[1] Kultur ohne indigene Partner gemacht wird, die an allen wesentlichen kuratorischen und museumspädagogischen Entscheidungen signifikant beteiligt sind, handelt es sich um eine höchst fragwürdige Repräsentation unter falschen Vorgaben. Eine solche Ausstellung produziert eine Romantik, die [in der Realität] nicht existiert, … reproduziert Stereotypen […] und ignoriert die fortgesetzte Lebendigkeit indigener Kultur komplett.“ …
  • „In der Geschichte – und selbst heute sind die große Mehrheit der Menschen, die indigene Kultur ausstellen, nicht-indigene Ethnologen die nur wenig Kontakt zu indigenen Menschen haben. Oder sie nutzen indigene Berater. Aber das Problem mit Beratern ist […] dass man ihre Meinung ablehnen kann. Aber ich befürworte Partnerschaften, in denen der Museumsangestellte mit indigenen Menschen in einer Partnerschaft zusammen an Präsentationsform und Philosophie zusammenarbeiten ohne dass […] der eine vor dem anderen Vorrang hat.“
  • „Der beste Weg, indigenen Gemeinschaften zu helfen ist, nicht-indigene Menschen über indigene Menschen zu bilden.“
  • „Was sind die nächsten Schritte? […] Ich denke, dass die Zukunft der Museen sein wird, mit indigenen Museen [d.h. von indigenen Gesellschaften selbst betriebenen Museen] zusammenzuarbeiten. In den Vereinigten Staaten gibt es bereits über 100 indigene Museen in Communities im ganzen Land. Diese Museen repräsentieren ihre eigene Community innerhalb ihrer Community. Und in Partnerschaften wird es am besten sein, mit diesen Museen zusammenzuarbeiten, da sie die Communities bereits kennen, und wissen mit wem man [dort] arbeiten kann. Oft brechen sie auch mit [etablierten] Modellen, was ein Museum sein sollte. Sie übernehmen die Funktion eines Kulturzentrums, eines Ortes zum Teilen von Wissen, und Teil ihrer Aufgabe ist auch die Bewahrung kulturellen Wissens.  Statt eines Museums außerhalb der [indigenen] Community, kommen sie aus der [Mitte der] Community. Ich würde argumentieren, dass die Zukunft der Zusammenarbeit mit indigenen Communities in der Zusammenarbeit mit indigenen Museen liegt.“
  • „Wie lösen wir in Zukunft die Situation, in der wir auf der einen Seite die Community haben und auf der anderen Seite die Museen, die die Community im Museum präsentieren möchten? … Wie, wenn wir indigene Menschen ausbilden, als Kuratoren in den Museen zu arbeiten? So würde indigene Kultur nicht mehr von Außenseitern präsentiert, sondern von Teilhabern an der Kultur. Am National Museum of the American Indian haben wir Fellowship-Programme geschaffen in denen indigene Menschen kommen und sich ausbilden lassen können und danach entweder zurück in ihre Community gehen um dort Museumsarbeit zu machen, oder in Museen weltweit zu arbeiten. […] Wie Sie wissen ist es sehr, sehr lange her, dass indigene Menschen die Chance hatten, selber zu bestimmen, wie ihre Kultur präsentiert wird. Meiner Meinung nach ist es unsere moralische Verpflichtung, indigenen Menschen die Werkzeuge, das Wissen und die Ausbildung zur Verfügung zu stellen, indigene Kultur in nicht-westlichen Institutionen selbst präsentieren zu können.“

In den Jahren 2016 und 2018 war ich bereits im Rahmen von Provenienzforschungen zu Objekten der Kayan und Kayaw – zweier indigener Gruppen aus dem Osten Myanmars – die ein deutscher Diplomat in den 1960er Jahren gesammelt hatte, in deren Region gereist und dort mit den Kulturkomitees beider Gruppen in Kontakt gekommen. Sie berichteten mir von ihren eigenen Wanderausstellungen und Planungen zu eigenen indigenen Museen. Zugleich beschrieben sie aber auch die inadäquate, sehr paternalistische Präsentation ihrer Kultur im staatlichen Provinzmuseum. Nach einiger Kommunikation per E-Mail reiste ich im März 2019 im Rahmen des LindenLabs wieder in die Region, um gemeinsam mit beiden Komitees zu erproben, ob sich Ideen wie die von Joe Horse Capture, für neue Formen partnerschaftlicher Zusammenarbeit auch über eine größere Distanz etablieren lassen und wie wir Mitgliedern der beiden Communities auch für ihre Ausstellungsgestaltung und Museumsplanung vor Ort hilfreiches kuratorisches und konservatorisches Wissen vermitteln können.

Über den Verlauf dieser Reise und der ersten vor Ort gehaltenen Workshops berichte ich im nächsten Blogbeitrag.


[1] In meiner Übersetzung habe ich den Term „indigen“ immer dort verwendet, wenn Joe Horse Capture von „native“, „native American“ oder „tribal“ spricht, da mir diese Termini keine adäquaten deutschen Äquivalente bekannt sind. Zugleich macht diese freie Übersetzung die Relevanz der Aussagen über den amerikanischen Kontext hinaus sichtbarer.

Georg Noack ist Süd- und Südostasienreferent im Linden-Museum Stuttgart

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